Cradle to Cradle. Die Natur zeigt, wie wir Dinge besser machen können.

Was wäre, wenn eine Fabrik Abwasser in Trinkwasserqualität freisetzen würde und das Gebäude mehr Energie produzieren würde als es verbraucht?
Was wäre, wenn Seife für das Ökosystem eines Flusses genauso gesund wäre wie für unsere Haut?
Was wäre, wenn wir die Verpackung unseres Fast-Foods guten Gewissens während der Fahrt aus dem Autofenster werfen können und der Abfall den Boden bereichert?
Wäre das nicht utopisch?
Nein! Das solche Kreisläufe bereits existieren und noch viele mehr möglich sind, beweisen Michael Braungart und William McDonough in ihrem Buch “Cradle to Cradle: Remaking the way we make things”.

Braungart, Verfahrenstechniker und Professor für Chemie in Deutschland, und McDonough, Architekt und Professor in den USA, wollten nicht mehr nur Probleme erforschen, sondern Lösungen entwickeln. Mit “Cradle to Cradle” entwickelten sie ihre Vision einer neuen industriellen Revolution und setzen diese bereits mit Unternehmen und Institutionen in der ganzen Welt um. In ihrem gleichnamigen Buch stellen sie ihre Ideen nun einem breiten Publikum vor. “Cradle to Cradle” ist so geschrieben, daß es für nicht-Wissenschaftler verständlich ist; doch es wendet sich auch an Wissenschaftler und (künftige) Entscheider, die neue Denkanstöße für eine nachhaltige Zukunftsgestaltung suchen.

Die Diskussion um nachhaltige Ressourcennutzung dreht sich meist um Verminderung, Regulierung und Recycling. Wir sollen sparen, effizienter werden – für ein besseres Klima, weniger Abfall und eine gesündere Umwelt. Doch das ist unbequem und mit Einschränkungen verbunden. Und ist es überhaupt sinnvoll?
Nein, sagen Braungart und McDonough, es ist ein fauler Kompromiss. Denn auch reduzierte Schadstoffe sind da und sie schaden. Und “weniger schlecht” ist nicht gleich “gut”. Die Autoren von “Cradle to Cradle” wollen hundertprozentig gut produzieren statt nur weniger schlecht. Deswegen fordern sie “re-thinking” statt “re-ducing and re-cycling” und liefern dafür gute Gründe und Beispiele aus der Natur.

“Man denke mal über folgendes nach: Zusammen genommen haben alle Ameisen auf unserem Planeten eine Biomasse, die weit größer ist als die der Menschen. Ameisen sind seit Millionen von Jahren unglaublich emsig. Und dabei nährt ihre Produktivität Pflanzen, Tiere und den Boden. Die von den Menschen geschaffene Industrie ist erst seit knapp über einem Jahrhundert in vollem Gang, und dennoch hat sie in fast allen Ökosystemen dieses Planeten zu einer Verschlechterung geführt. Im Gegensatz zu den Menschen hat die Natur kein Designproblem” (S. 33).

Die Natur arbeitet effektiv und zweifelsfrei ökologisch. Wenn sie produziert hat dies nicht nur das Produkt als einziges Ziel, sondern viele positive Nebenwirkungen. So produziert ein Kirschbaum nicht nur Kirschen, die als Nahrung für Menschen und Tiere dienen und aus deren Kernen neue Kirschbäume wachsen, sondern er stellt durch verrottendes Laub auch Nährstoffe im Boden bereit. Der Baum produziert ohne Schaden und sogar mehr Nährstoffe, als er selbst benötigt. Ein faszinierender Kreislauf, oder?

Davon sollten wir uns inspirieren lassen, schlagen die Autoren vor, und “einige positive Nebenwirkungen […] planen, statt uns nur auf ein Ziel zu konzentrieren” (S. 109). So inspiriert haben Braungart und McDonough die Environmental Protection Encouragement Agency (EPEA) Internationale Umweltforschung GmbH und die McDonough Braungart Design Chemistry (MBDC) gegründet und beraten nun weltweit Firmen und Institutionen bei der Umsetzung von öko-effektiven Produktionsprozessen.

“Cradle to Cradle” heißt ihr Konzept: von der “Wiege zur Wiege” und eben nicht von der Wiege zur Bahre. Denn daß ein Produkt nach Gebrauch nicht “sterben” muß, zeigen Braungart und McDonough in ihrem Buch an ganz konkreten Beispielen. Sie stellen fest, daß ein umweltfreundliches Produkt, aus wenigen Bestandteilen mit positiven Eigenschaften, nicht nur gut für den Konsumenten und die Natur ist, sondern auch kostengünstiger als eines mit vielen schädlichen Bestandteilen – sei es ein Duschgel oder ein Polsterstoff.

Um effektiv zu produzieren müssen die Menschen ihre Ressourcennutzung den Stoffströmen der Natur anpassen. Das bedeutet, alle Produkte so zu konzipieren, daß kein “Abfall” entsteht. Um ein solches Designprinzip zu schaffen, sollten wir zunächst die zwei grundlegenden Stoffkreisläufe auf der Erde verstehen: den biologischen Metabolismus und den technischen Metabolismus.

Der biologische Metabolismus, die Biosphäre, umfasst alle Kreisläufe der Natur. Der technische Metabolismus umfasst alle industriellen Kreisläufe (zusammen mit dem Abbau mancher technischer Materialien in der Natur). Braungart und McDonough erklären, daß alle industriell hergestellten Produkte und Materialien, wenn sie richtig designt sind, diesen zwei Metabolismen zugeführt werden können, um “Nahrung für etwas Neues zu liefern” (S. 136).

Mit dem richtigen, öko-effizienten Design bewegt sich ein Produkt also entweder nur in biologischen Kreisläufen oder nur in technischen Kreisläufen – und zwar dauerhaft. Das heißt, es dürfen keine Toxine, Karzinogene oder andere Schadstoffe aus dem technischen Metabolismus die Biosphäre, den Stoffwechsel, verunreinigen. Aber auch umgekehrt dürfen biologische Nährstoffe nicht in den technischen Metabolismus gelangen. Erstens damit sie der Biosphäre nicht verloren gehen und zweitens, weil sie die Qualität des technischen Materials verringern oder dessen Wiederverwertung erschweren können.

Diese Trennung der beiden Kreisläufe mag zunächst kompliziert klingen, die Autoren zeigen aber, daß sie möglich ist: So entwickelten sie zum Beispiel einen Polsterstoff, dessen gesamter Lebenszyklus im biologischen Metabolismus abläuft. Dieser Stoff fügt bei der Herstellung und Verwendung seiner Umwelt keinerlei Schaden zu. Man könnte ihn essen und nach Gebrauch wird er kompostiert und ist so wieder Nährstoff für die Erde. Dennoch ist der Stoff enorm strapazierfähig und entspricht hohen Kundenansprüchen.

Weitere Beispiele für Produkte dieser Art, die Braungart und McDonough entwickelt haben, findet man im Buch und auf den Netzseiten ihrer Unternehmen. Doch es sind noch wenige – auf dem Weg der neuen industriellen Revolution bleibt also noch viel zu tun. Allen die diese Herausforderung annehmen wollen bietet “Einfach intelligent produzieren” gut aufbereitetes Hintergrundwissen.

Das Schaffen von öko-effektiven Produkten innerhalb des technischen Metabolismus ist deutlich komplexer als bei biologischen Produkten. So verwenden die Autoren im Kapitel zu diesem Thema häufig den Konjunktiv, und können kaum eigene praktische Erfahrungen beisteuern. Dennoch geben sie verschiedene Beispiele für konkrete Umsetzungsmöglichkeiten. Dabei konzentrieren sie sich auf das sogenannte “up-cycling” von technischen Nährstoffen. Beim heute üblichen Recycling werden die Materialien abgewertet, da sie wegen Verunreinigungen durch andere technische oder biologische Stoffe nicht mehr ihrem ursprünglichen Zweck dienen können. So wird zum Beispiel ein Auto auf dem Schrottplatz gepresst und viele unterschiedliche Materialien zusammen eingeschmolzen. Das Kupfer der Kabel kann danach nicht mehr für Kabel genutzt werden und der einst hochwertige Stahl des Chassis kann nicht für ein neues Chassis verwendet werden. Die Materialien werden abgewertet, “down-cycelt”. Dadurch gehen dem technischen Kreislauf Nährstoffe verloren – kostbare Ressourcen werden nicht optimal genutzt.

Um dieses Problem zu lösen schlagen Braungart und McDonough ein intelligentes Design vor, damit Materialien bei der Wiederverwertung ihre Qualität behalten. Um dies konsequent umzusetzen ist ein neues Konsumverständnis nötig, das die Autoren das “Konzept des Serviceprodukts” nennen. Dieses Konzept ist einleuchtend, denn wer einen Fernseher kauft, der möchte nicht die 4360 enthaltenen Chemikalien konsumieren, sondern den Fernseher für einen bestimmten Zweck in einem begrenzten Zeitraum nutzen. Der Kunde könnte also auch den Service “x Stunden fernsehen” erwerben und nicht den Fernseher an sich. Wenn der Kunde das Gerät nicht mehr braucht (z.B. weil er ein neues haben möchte), könnte er es einfach an den Hersteller zurückgeben und dieser verwendet die enthaltenen Materialien für neue Produkte. Der Kunde erhält seinen gewünschten Nutzen, der Hersteller bleibt Eigentümer des Materials und die technischen Nährstoffe bleiben in ihrem Kreislauf.

Das würde bedeuten: weniger Abfall, geringere Materialkosten und weniger Schadstoffe. Wie wir diese Vision umsetzen können, beschreiben Baumgart und McDonough im weiteren Verlauf des Buches.

Im Kapitel “Vielfalt zelebrieren und fördern” wird unter anderem die lokale und regionale Anwendung des “Cradle to Cradle”-Prinzips beleuchtet. Außerdem geht es um Energieströme, die “Vielfalt von Bedürfnissen und Wünschen” und weitere praktische Aspekte einer “industriellen Re-Evolution”.

Das letzte Kapitel widmet sich ganz konkret der “Umsetzung von Öko-Effektivität”. Hier geben Braungart und McDonough eine praktische Anleitung, wie Schritt für Schritt die im Buch vorgestellten Konzepte umgesetzt werden können. Die “Fünf Schritte zur Öko-Effektivität” (S. 205 ff) beginnen mit dem Befreien von Schadstoffen und enden damit, alles neu zu erfinden. Die Autoren regen dazu an, diese Schritte auch zu gehen, doch auch sie wissen: “eine öko-effektive Vision ist nicht im Handumdrehen umzusetzen” (S. 222). Doch um die Erfolgschancen dieser Umsetzung zu erhöhen geben sie uns zu guter Letzt fünf Leitprinzipien mit auf den Weg. So endet das Buch mit dem Aufruf: “Schieben Sie Verantwortung nicht auf nachfolgende Generationen ab!”

“Einfach intelligent produzieren” ist in der Reihe “Gebrauchsanweisungen für das 21. Jahrhundert” erschienen. Das weckt hohe Erwartungen, die das Buch jedoch voll erfüllen kann. Die Autoren stellen ein innovatives und praktikables Konzept vor, um die Umweltprobleme und -konflikte des 21. Jahrhunderts zu lösen. Sie regen zum Um-denken und Um-setzen an. Das Buch ist gut strukturiert, die Kapitel sinnvoll gegliedert und durch ihre Kürze gut zu überschauen. So fällt es dem Leser nicht schwer, die teils sehr komplexen Konzepte zu verstehen und sich in die oft ungewohnte Sichtweise der Autoren hineinzudenken. Die Inhalte sind wissenschaftlich fundiert, gut recherchiert und häufig mit Belegen und Verweisen versehen. Zahlreiche Beispiele, passende Zitate und bildhafte Fabeln, die erheitern und zum Nachdenken anregen, machen aus der komplexen Thematik ein anregendes Lese-Erlebnis.

“Einfach intelligent produzieren” ist ein spannendes Buch, das man – sobald man sich auf das Thema eingelassen hat – nicht mehr aus der Hand legen mag. Und selbst wer es nach der Lektüre als zu ideologisch und utopisch beurteilt sollte doch einige Um-Denkansätze in seinen Alltag übertragen können.

Alle Zitate beziehen sich auf folgende Ausgabe:
Braungart, Michael; McDonough, William (2005): Einfach intelligent produzieren.
2. Aufl., Berlin, BvT Berliner Taschenbuch Verlags GmbH, EUR 9,90

“Der Uweltretter Michael Braungart”
Artikel aus der taz vom März 2009, der die Person Michael Braungart vorstellt und das Cradle-to-Cradle-Prinzip kritisch beleuchtet.

„Intelligente Verschwendung“ löst das Müllproblem
Interview mit Michael Braungart im Deutschlandradio, Dezember 2009

EPEA Internationale Umweltforschung GmbH
in Hamburg, gegründet 1987 von Michael Braungart

McDonough Braungart Design Chemistry (MBDC)
in Charlottesville, Virginia (USA), gegründet 1995 von William McDonough und Michael Braungart

veröffentlicht in der GeoLoge 1/2010

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